philharmonisches orchester riehen
 

Eine Klangpracht

Philharmonisches Orchester Riehen und der Organisten Tobias Lindner spielen Camille Saint-Saens.

Was für eine Klangpracht! Nach der letzten machtvollen Steigerung mit voller Orchesterwucht, Pauke und virtuos aufbrausender Orgel hielt es die Zuhörer in der Kirche St. Marien in Basel nicht mehr auf den Bänken. Mit stehenden Ovationen und Bravorufen feierten sie das Philharmonische Orchester Riehen und den Organisten Tobias Lindner nach der imponierenden Aufführung der "Orgelsinfonie" von Camille Saint-Saens.

Für diese spektakuläre dritte Sinfonie des französischen Spätromantikers hat das Riehener Orchester unter Leitung von Jan Sosinski erstmals die Königin der Instrumente einbezogen – mit überwältigender Wirkung, wie am Samstag in Basel und am Sonntag in der Kirche St. Franziskus in Riehen zu hören war. In Großbesetzung mit 65 Musikerinnen und Musikern trat das für seine ambitionierten Projekte bekannte Orchester auf. Der energisch Zeichen setzende Sosinski verstand es im Verbund mit dem an der Orgelempore souverän agierenden Tobias Lindner glänzend, den harmonischen Reichtum und den berauschenden opulenten Klang dieses Gipfelwerks differenziert auszuleuchten.

Die Interpretation verband auf überzeugende Weise Sentiment, rhythmisch vehemente Verve und melodischen Fluss. Wie sich der flirrende Orchesterklang immer stärker verdichtete, rhythmisch drängender wurde, war spannungsvoll in der Dynamik. Die lieblichen Farben, die wiegende Melodie der Violinen, die schönen Bläserfarben, die präzisen Pizzicato-Stellen zeugten von einer auf farbleuchtende Klanglichkeit ausgerichteten Darstellung. Im Adagio-Teil des ersten Satzes meldete sich zum ersten Mal die Orgel zu Wort. Klangsensibel und feierlich spielte Tobias Lindner diesen Part, legte einen weichen Klangteppich aus für das breit strömende kantable Spiel der Streicher und Bläser, das sich zunehmend hymnisch steigerte.

Dynamischen Impuls und Beweglichkeit im Orchesterapparat hatte das in jagendem, zügigem Tempo gespielte Presto im zweiten Satz, das in ein klangmächtiges Maestoso mündet. In diesem Maestoso fuhr Tobias Lindner die Orgel in aufbrandender Klangpracht aus und führte sie zu grandioser, majestätischer Klangwirkung. Auch das Orchester entfaltete alles an fulminanter und triumphaler Klangmacht, mit vehementem Streicher- und Bläsereinsatz und Beckenschlägen.

Eröffnet wurde das Konzert in kleinerer Besetzung auf der Orgelempore, wo ein Ensemble aus Streichern und zwei Blockflötistinnen gemeinsam mit dem Solisten Tobias Lindner Händels heiter-galantes Konzert für Orgel und Streichorchester B-Dur op. 4 aufführten. Als Spezialist für Alte Musik war der Konzertorganist und Kirchenmusiker, der in Lörrach lebt und als Professor an der Schola Cantorum Basiliensis lehrt, der ideale Interpret für Händel. Schwungvoll und virtuos gestaltete Lindner die Solopassagen, voller Leichtigkeit und Esprit.

Als bezauberndes Intermezzo führte das Philharmonische Orchester Arthur Honeggers "Pastorale d'été" auf, ein in zarten Farben gemaltes Stimmungsbild der Natur. In sanftem, weichem Streicher- und Bläserklang hebt diese Impression an, delikate Bläserstimmen deuten das Erwachen des Morgens an, der Orchesterklang wird immer strahlender und kräftiger, bevor sich wieder ruhevolle, friedliche Atmosphäre breitmacht. Sehr einfühlsam und klangschön beschwor das Philharmonische Orchester diese pastorale Klangidylle.

Die nächsten Konzerte: des Philharmonischen Orchesters Riehen sind am 2. Dezember in der Dorfkirche Riehen mit Werken von Bach bis Grieg sowie am 6. und 7. April 2019 in Basel und im Landgasthof Riehen mit Werken von Beethoven, Wagner und Schumann.

Roswitha Frey

Eine Klangpracht (veröffentlicht am Mo, 24. September 2018 auf badische-zeitung.de)


Herbstkonzert Das Philharmonische Orchester Riehen spielte mit Tobias Lindner als Solist die «Orgelsinfonie» von Camille Saint-Saëns

Ein Kraftakt wird zum Jungbrunnen des Orchesters

Mit der gefühl- wie temperamentvollen Intonierung der «Orgelsinfonie» von Camille Saint-Saëns gelang dem Philharmonischen Orchester Riehen unter der Leitung von Jan Sosinski eine grandiose Leistung.

Camille Saint-Saëns’ Sinfonie Nummer 3 in c-Moll, die «Orgelsinfonie», ist ein selten gespieltes Werk, was nicht zuletzt an dessen aufwendiger Instrumentierung liegt. Nicht nur braucht es eine Orgel und ein für vierhändige Passagen doppelt besetztes Klavier, es braucht auch eine ungewöhnlich grosse Besetzung der üblichen Instrumente eines Sinfonieorchesters inklusive Pauke, Triangel und Becken. Dass Dirigent Jan Sosinski es dem von ihm geleiteten Philharmonischen Orchester Riehen überhaupt zugetraut hatte, dieses Werk aufführen zu können, war ein grosser Vertrauensbeweis.

Stehende Ovationen

Das Wagnis hat sich gelohnt. Nachdem das Orchester am vergangenen Sonntag in der Kirche St. Franziskus seinen Vortrag beendet hatte, erklang minutenlanger, begeisterter Applaus. Das Publikum stand auf, die Rührung vieler der über zweihundert Gäste war deutlich zu spüren.

«Schon für ein Profiorchester wäre dies eine herausragende Leistung gewesen. Dass so etwas mit einem Laienorchester überhaupt möglich ist, hätte ich nie gedacht», meinte ein erfahrener Konzertgänger zum Schluss.

In der Tat war beeindruckend, wie es den insgesamt 68 Musikerinnen und Musikern gelungen war, im grossen und hohen Raum der Kirche klar und deutlich zu intonieren, dabei das Echo des Raumes zu respektieren, der Orgel ihren Raum zu lassen und es auch dann nicht zu übertreiben, als sich die Musik zu pompösen Höhepunkten steigerte. In Passagen, in denen die Orgel die Melodie übernahm, nahm der Dirigent die Streicher spürbar zurück. Und als die Orgel in ihren tiefen Tönen einen Klangteppich wob, liess er das Orchester harmonisch darüber gleiten.

Projekte locken Junge an

Gerade so gewagte Projekte wie dieses sorgen dafür, dass es inzwischen viele Hobbymusikerinnen und -musiker mit hohem Spielkönnen gibt, die sich für das Philharmonische Orchester Riehen begeistern lassen. Und die Beitrittswilligen werden zum Vorspielen aufgeboten. Viele Orchester werden von Nachwuchssorgen geplagt und überaltern. Das Riehener Orchester hingegen verfügt über bemerkenswert viele auch jüngere Musikerinnen und Musiker. Inzwischen spielen Töchter und Söhne altgedienter Orchestermitglieder mit. Und auch ein Blick ins Publikum bestätigt den Trend: Da sieht man Kinder und Jugendliche, die den Tönen des Orchesters mit sichtlichem Vergnügen lauschen. Da wird Klassische Musik zum Familienereignis, sozusagen.

Jan Sosinski spielte in seiner Interpretation der «Orgelsinfonie», die zusammen mit dem «Karneval der Tiere» zu den beiden grössten Erfolgen zu Lebzeiten des 1835 in Paris geborenen Komponisten gehörte, mit Stimmungen und Gefühlen. Er liess das Orchester geschickt die Tempi variieren. Orgel und Streicher fanden zu perfekter Harmonie. Die Bläser überzeugten sowohl als verspielt verzierende Begleitinstrumente als auch als Gesprächspartner der Orgel und für einmal durften sie sich in ihrer Lautstärke mit grosser Wucht und Freude austoben – der grosse Raum ertrug das Tutti auch mit dieser ungehemmten Gewalt. Überhaupt haben es gerade die Bläser, einst ein Sorgenkind des Orchesters, inzwischen zu grosser Spielklasse gebracht, sodass das Orchester heute über eine grosse Homogenität verfügt. Ein wenig Glück war wohl im Spiel, dass die Kirchenuhr zu St. Franziskus ihre Stundenschläge um sechs Uhr abends genau in jener kurzen Pause platzierte, die die beiden Sätze der «Orgelsinfonie» voneinander trennt.

Tobias Lindners Heimspiel

Dass das Experiment gelang, lag auch am kunstvoll-präzisen Spiel von Tobias Lindner. Dem erfahrenen Konzertmusiker, der mit seiner Familie in Lörrach lebt und seit vielen Jahren als Kirchenmusiker der St. Franziskuskirche in Riehen wirkt, gelang es, sich, obwohl abseits vom Orchester an seinem Instrument sitzend, harmonisch ins Orchester einzufügen. Auf einem kleinen Bildschirm neben der Tastatur sah er Livebilder des Dirigenten und konnte so auch auf die Zeichen Sosinskis eingehen.

Die 3. Sinfonie in c-Moll komponierte Camille Saint-Saëns (1835–1921) in Auftrag der Royal Philharmonic Society in England. Sie wurde 1886 in London uraufgeführt.

Das Hauptwerk im Herbstkonzert des Philharmonischen Orchesters Riehen, das einen Tag vor dem Riehener Auftritt auch in der Basler St. Marienkirche zu hören gewesen war, dauert gut vierzig Minuten. Um das Konzertprogramm abzurunden und gleichzeitig auch dem Organisten nochmals zu einem prominenten Auftritt zu verhelfen, hatte Jan Sosinski zur Eröffnung des Abends von Georg Friedrich Händel (1685–1959) das Konzert für Orgel und Streichorchester in B-Dur op. 4 Nummer 6 HWV 294 gewählt. Das kleine Ensemble mit Streichern und zwei Blockflötistinnen stand auf der Empore direkt bei der Orgel, was dem Aufritt eine intime und verspielte Note gab.

Es folgte, auf Vorschlag aus dem Orchesterensemble, mit «Pastorale d’été» ein Werk des Schweizer Komponisten Arthur Honegger (1892–1955), der einst Camille Saint-Saëns als eines seiner musikalischen Vorbilder genannt hatte und deshalb gut ins Programm passte. Auch dieses Werk wurde in kleinerer Besetzung gespielt. Diese hatte aber diesmal vorne rund um den Altar Platz genommen. Nach kurzer Umbaupause – schliesslich mussten nun alle 68 Beteiligten ihre Plätze einnehmen – folgte sodann das grandiose Hauptwerk des Abends.

Rolf Spriessler-Brander

Riehener Zeitung vom 28. September 2018



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