philharmonisches orchester riehen
 

Leidenschaftlich und gut koordiniert

Konzert - Philharmonisches Orchester Riehen lud in St. Michael zur Generalprobe ein

Grenzach-Wyhlen. Am vergangenen Donnerstag bot das Philharmonisches Orchester Riehen vor ihren beiden Konzerten in Basel und Riehen auch ein Vorkonzert in der Katholischen Kirche St. Michael. Auf dem Programm standen Ludwig van Beethovens Ouvertüre zu „Coriolan“, Robert Schumanns Sinfonie Nr. 4 d-Moll und Richard Wagners Wesendonk-Lieder. Letzteres Werk war jedoch nur als Probenfassung ohne Gesang zu hören, da die Solistin Melanie kurzfristig erkrankte.

Das 2004 gegründete Philharmonisches Orchester Riehen steht seit 2006 unter der Leitung des polnischen Geigers Jan Sosinski, der mit großem emotionalem Engagement die ambitionierten Amateurmusiker aus der Regio mit Schlüsselwerken des musikalischen Erbes vertraut macht und gleichermaßen für Entdeckungen mit Musik von noch lebenden Komponisten öffnet.

Beethoven schrieb 1807 die Ouvertüre zu „Coriolan“ op. 62 als Schauspielouvertüre zum gleichnamigen Drama von Heinrich Joseph von Collin. Der widersprüchliche Charakter der Titelfigur führte Beethoven zu einer Musik voller ruppiger Kontraste. Werke wie dieses waren bestimmend für das heutige Beethovenbild, einerseits geprägt durch ein mitunter verletzendes Bewusstsein seiner kompositorischen Einzigartigkeit und andererseits durch die menschliche Isolation auf Grund seiner zunehmenden Taubheit.

Oberflächlich betrachtet und losgelöst von seiner Programmatik ist das Werk nichts anderes als eine Ansammlung klassischer harmonischer und melodischer Gestaltungsstandards des frühen 19. Jahrhunderts. Jedoch erst Beethovens formale Fantasie und sinnfällig empfundene Konstruktionen machen einen solchen Standard überhaupt erst formulierbar. Bei den meisten seiner kompositorischen Zeitgenossen wäre in einer harmonisierten Abwärtstonleiter keine melodische Qualität wahrzunehmen. Bei Beethoven hingegen wird daraus eine anmutige Streicherkantilene. Den anfänglichen Wechsel von intensivem Streicherunisono und explosiven Akkordschlägen könnte man zwar als eine lehrbuchmäßige Kadenz beschreiben, jedoch hat er einen charakteristischen Wiedererkennungswert und dient letztlich als Initialzündung für eine durch Generalpausen zerfurchte Musik und ihrer Programmatik. Gut koordinierte Pizzicati, saubere Intonation in den Blechbläsern und ein insgesamt hellwaches Musizieren machten Beethovens ruppige Klangwelt zu einem intensiven Erlebnis.

„Es war prächtig, wie das Basler Orchester gespielt hat“, schreibt Clara Schumann nach dem Besuch eines Konzerts mit der 4. Sinfonie ihres Mannes 1887 in ihr Tagebuch. Gastgeber und Mitmusiker Helmut Bauckner ergänzt schmunzelnd an das Publikum gewandt: „Ich hoffe, sie schreiben dies auch nach unserem Konzert in ihr Tagebuch.“

Nicht minder intensiv, allerdings mit angemessen flexiblerer Tempoführung setzte Jan Sosinski Robert Schumanns Sinfonie Nr. 4 in Szene. In diesem vielgestaltige Werk waren bereits im 1. Satz etwa kapriziös springende Figuren in den tiefen Streichern, tremolointensivierte Melodiepartikeln in den hohen Streichern, elegische Holzbläserkantilenen und gestochen scharfen Akkorde in den Blechbläsern zu hören. Liebliche Klänge wie das expressiv gespielte Solo von Konzertmeisterin Brigitte Kassubek in der Romanze bildeten einen lebhaften Kontrast zu majestätischen Blechbläserpassagen oder quirligen Figurationen im Schlusssatz.

Jan Sosinski ist ein leidenschaftlicher Animateur mit hohem Gestaltungsanspruch. Das Orchester ist von seiner Methode überzeugt. Dies konnte man vor allem in der anschließenden Probenphase mit Richard Wagners Wesendonk-Liedern ohne Solistin feststellen. Hier hat das Orchester nicht nur die Funktion einer harmonischen Grundierung und eines melodischen Stichwortgebers für den Solopart. Der Orchesterpart stellt vielmehr einen atmosphärisch bewegten Organismus dar, bei dem im fantasievoll figürlich bewegten Wogen der Harmonien auch charakteristische Motive an der Oberfläche auftauchen. Fern eines oft exhibitionistisch inszenierten Soloparts konnte man so eine allein mit Instrumenten verinnerlichte Ausdeutung hintergründiger Werkfarben wahrnehmen. Die „düstere Welt“, die „leuchtenden Sphären“, das „staunende Schweigen“ oder die „wunderbaren Träume“ in der Textvorlage erhielten unter den emotionalen Gesten Sosinskis eine plastische instrumentale Physiognomie.

Das Philharmonisches Orchester Riehen sorgte für ein intensives Konzerterlebnis.

Die Oberbadische


Triumph der Sopranistin

Riehen - Das Frühjahrskonzert des Philharmonischen Orchesters Riehen am Sonntag im Landgasthof Riehen geriet zu einer Sensation. Dafür war die in Zürich lebende Mezzosopranistin Melanie Forgeron verantwortlich, die mit den Wesendonck-Liedern von Richard Wagner auftrumpfte.

Wagner nahm es mit der ehelichen Treue nie so genau. „Ich brauche meine Muse“, soll der Komponist einmal gesagt haben. Eine dieser Musen war Mathilde Wesendonck, die er mit ihrem wohlhabenden Ehemann Otto, einem Gönner Wagners, 1852 in seinem Schweizer Exil in Zürich kennenlernte. Muse hin oder her –­ auf jeden Fall verdanken wir diesem Verhältnis die bekanntesten Lieder, die Wagner vertont hat. Die „Fünf Gedichte für Frauenstimme und Klavier“ nach Gedichten von Mathilde Wesendonck entstanden in den Jahren 1857 und 1858. Felix Mottl – er verfasste viele Klavierauszüge von Opern Wagners – schuf die Instrumentation des Zyklus für großes Orchester.

Kenner der Wagnerschen Musik erlebten ein Déjà-vu. Die Lieder „Im Treibhaus“ und „Träume“ erinnern an das Liebesduett aus dem zweiten Akt der Oper „Tristan und Isolde“.

Melanie Forgeron machte die Lieder zu einem großen Erlebnis. Ihre weit ausladende Tiefe zeigte sich tragfähig und wohlklingend. Die mühelose Höhe umhüllte die Zuhörer förmlich und erzeugte tiefes Wohlbefinden. Der Dirigent Jan Sosinski kam der Sängerin entgegen, indem er das Orchester zu einem aufmerksamen Begleiter anleitete. Bei den Vor- und Zwischenspielen ließ Sosinski den Orchesterklang aufblühen.

Eingeleitet wurde das Konzert mit der Ouvertüre zu Coriolan op. 62 in c-moll von Ludwig van Beethoven. Der Komponist hat bekanntlich nur eine Oper geschrieben (Fidelio). Aber mehrere Ouvertüren für Schauspieler komponiert. Hier setzt er den inneren Zwiespalt des römischen Patriziers Coriolanus musikalisch in Szene.

Zum Abschluss des Konzerts erklang die 4. Sinfonie d-moll op. 120 von Robert Schumann. Diese setzte sich zunächst nur schwer durch. Zehn Jahre lang wollte sie kein Verleger drucken. Erst nach einer umfänglichen Bearbeitung durch Schumann wurde sie 1851 veröffentlicht. Geblieben ist eine Verknüpfung von Themen innerhalb der einzelnen Sätze. Die Wirkung auf das Publikum ist ungebrochen.

Voll konzentriert folgte das Orchester selbst den kleinsten Bewegungen des Dirigenten. Große dynamische Variationen sorgten so für ein Leben und Atmen der Musik. Reichlicher Beifall entlohnte die Musiker für ihre gute Probenarbeit.

Das Philharmonische Orchester Riehen feiert in diesem Jahr sein 15-jähriges Bestehen. Seit 13 Jahren ist Jan Sosinski dessen künstlerische Leiter. In dieser Zeit hat er die über 50 Musiker, die aus dem ganzen Dreiland kommen, zu einem homogenen Klangkörper zusammengeführt.

Gottfried Driesch

Die Oberbadische vom 8. April 2019


Frühjahrskonzert Philharmonisches Orchester Riehen feierte 15. Geburtstag mit Beethoven, Wagner und Schumann

Jubiläumskonzert mit viel Ausdruck und Gefühl

Am Frühjahrskonzert vom vergangenen Sonntag gab das Philharmonische Orchester Riehen eine weitere eindrückliche Kostprobe seines Könnens, Höhepunkt waren Wagners Wesendonck-Lieder.

Beinahe wäre es in die Hosen gegangen, was am vergangenen Sonntag im Landgasthofsaal schliesslich zu einem weiteren eindrücklichen Klangerlebnis wurde. Für die eneralprobe vor Publikum in Grenzach hatte die grossartige Sängerin Melanie Forgeron ihr Mitwirken einer hartnäckigen Erkältung wegen noch absagen müssen und erst am Samstag um 12 Uhr, wenige Stunden vor dem ersten Konzert in der Basler Theodorskirche, hatte Orchester-Präsidentin Katrin Mathieu die beruhigende Meldung erhalten, dass sich die Solistin, mit tatkräftiger Unterstützung ihrer renommierten Gesangslehrerin Dame Gwyneth Jones, erfolgreich gesundgepflegt hatte und würde singen können.

Und wie sie das tat. Das Konzert zum «kleinen Jubiläum», wie es Orchester-Präsidentin Katrin Mathieu in ihrer kurzen Ansprache am vergangenen Sonntag im gut besetzten Saal des Landgasthofes Riehen genannt hatte, wurde ein Erfolg.

Pièce de résistance des Programms waren die Wesendonck-Lieder – fünf Lieder, in denen Richard Wagner Gedichte vertont hatte, welche die von ihm verehrte Mathilde Wesendonck ihm geschickt hatte, als er 1857 an seiner Oper «Tristan und Isolde» arbeitete. Dirigent Jan Sosinski war es gelungen, mit den 54 Mitgliedern des Philharmonischen Orchesters Riehen die Wesendonck-Lieder, die Wagner selbst als das Beste bezeichnet hatte, was er je gemacht habe, auf sehr eindrückliche Weise umzusetzen. Während den Gesangspartien nahm er das Orchester bewusst zurück, liess es in den Zwischenpassagen aber auch zuweilen aufbrausen und brachte die Musikerinnen und Musiker dazu, die vielen Stimmungs- und Tempowechsel auf lustvolle Weise auszuleben. Obwohl das Orchster hoch konzentriert spielte, war eine grosse innere Freude zu spüren – ein grosses Verdienst des Dirigenten, der den Taktstock mit viel Gefühl und grosser Ausdruckskraft schwang. Forgeron sang die Lieder mit Gefühl und Ausdruck, brillierte mit hohem Vibrato und wunderbaren Tiefen und fügte sich harmonisch in die Orchesterklänge ein.

«Nicht auf den Lorbeeren ausgeruht»

Dem grossen pädagogischen und schauspielerischen Können Jan Sosinskis sei es zu verdanken, dass das Philharmonische Orchester Riehen da stehe, wo es heute stehe, hatte Katrin Mathieu in ihrer kurzen Begrüssungsrede treffend gesagt. Aus Anlass des 15-jährigen Bestehens des Orchesters sprach auch Gemeinderätin Christine Kaufmann. Sie lobte das Orchester, es habe sich nach der Auszeichnung mit dem Kulturpreis der Gemeinde Riehen für das Jahr 2014 nicht auf den Lorbeeren ausgeruht, sondern sich grossartig weiterentwickelt, sei zu einem Sammelbecken talentierter Musikerinnen und Musiker aus der ganzen Region geworden und sorge so auch erfolgreich für den eigenen Nachwuchs.

Im Publikum sassen der Gründer des Orchesters, der Riehener Dorfkirchenorganist Bruno Haueter, und Gründungspräsidentin Louise Hugenschmidt, die inzwischen nach Bern gezogen ist und sich dort einem lokalen Orchester angeschlossen hat. Haueter war tief beeindruckt – er habe es nicht für möglich gehalten, dass ein Laienorchester die Wagner-Lieder derart ausdrucksvoll würde begleiten können. Die Tatsache, dass Melanie Forgeron bereit war, die Wesendonck-Lieder, die sie zuvor noch nie gesungen hatte, gerade mit dem Riehener Orchester aufzuführen, zeugt von ihrem grossen Vertrauen in die Fähigkeiten des Orchesters.

Begonnen hatte das Konzert mit der Intonierung von Beethovens Ouvertüre zu «Coriolan». Erzählt wird darin die Geschichte eines Römers, der aus seiner Heimat verbannt wird, sich Roms ärgsten Feinden anschliesst und am Ende an seiner Zerrissenheit zerbricht. In Sosinskis Interpretation des Werkes wurden Gefühle und Verzweiflung spürbar, das Orchester spielte akzentuiert, präzis und ungewöhnlich ausdrucksvoll. Brilliant war der Schluss, in dessen stakkatoartig hingeworfenen Tönen Coriolans Resignation schon fast physisch spürbar wurde.

Auch in Robert Schumanns Sinfonie Nummer 4 in d-Moll, deren vier Sätze das Orchester nicht wie bei diesem Werk sonst üblich an einem Stück, sondern mit kurzen Pausen dazwischen darbot, variierte das Orchester geschickt Tempo und Lautstärke und gestaltete die Musik zu einer lustvollen Achterbahn der Gefühle. Grosser, begeisterter Applaus zum Schluss.

Rolf Spriessler-Brander

Riehener Zeitung vom 12. April 2019



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